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Künstlerische Forschung mit Pilzmyzel zwischen Skulptur und Materialökologie
Diese Forschung wurde gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen von April bis Juli 2026.
Wie lässt sich mit einem Material gestalten, das lebt? Und was geschieht mit dem Begriff der Form, wenn sich ein Werkstoff nicht vollständig kontrollieren lässt, sondern auf Feuchtigkeit, Temperatur, Nährboden und Zeit mit eigenem Wachstum reagiert?
In meinem Atelier forsche ich mit dem Myzel des Austernseitlings (Pleurotus ostreatus) als skulpturalem Material. Ausgangspunkt waren zunächst sehr praktische Fragen: Wie lässt sich Myzel kultivieren, stabilisieren und plastisch formen? Daraus entwickelte sich zunehmend eine andere Fragestellung: Unter welchen Bedingungen kann Form entstehen, wenn Gestaltung zwischen künstlerischer Setzung und biologischem Wachstum verteilt ist?
Im Rahmen meines Arbeitsstipendiums untersuchte ich dafür verschiedene Verfahren – von digital entwickelten Negativformen über Zellulose und Papier bis zur additiven Modellierung auf Holzarmierungen und der Entwicklung flächiger Myzelmaterialien.

Ein Material mit eigener Zeit
Die Arbeit mit lebendem Material folgt keiner linearen Versuchsanordnung. Substratzusammensetzung, Feuchtigkeit, Temperatur und Adaptionszeiten entscheiden darüber, ob und wie das Myzel wächst. Schon kleine Veränderungen können einen Prozess verlangsamen oder vollständig zum Stillstand bringen.
Das zeigte sich besonders deutlich beim Wechsel des Hanfsubstrats. Obwohl es sich weiterhin um Hanf handelte, reagierte das Myzel auf das leicht veränderte, säuerlichere Milieu zunächst mit nahezu vollständigem Wachstumsstopp. Erst nach einer etwa vierwöchigen Anpassungsphase entwickelte sich wieder eine stabile Kultur.
Diese Erfahrung veränderte meine Arbeitsweise. Ein Substrat ist nicht einfach ein passiver Träger, auf den das Myzel übertragen werden kann. Es bildet ein Milieu, an das sich der Organismus anpassen muss. Kultivierung bedeutet deshalb auch, Zeit zuzulassen und Bedingungen herzustellen, innerhalb derer Wachstum überhaupt möglich wird.

Zwischen analoger Form und 3D-Modell
Parallel begann ich, analoge und digitale Formgebungsverfahren miteinander zu verbinden. Plastisch entwickelte Objekte werden mit der KIRI Engine dreidimensional gescannt und anschließend in Cinema 4D weiterbearbeitet. Perspektivisch sollen daraus Negativformen entstehen, in die das Myzel hineinwachsen kann.
Damit entsteht eine Prozesskette zwischen analoger Formfindung, 3D-Scan, digitaler Modellierung und biologischem Wachstum. Die Form durchläuft unterschiedliche materielle und mediale Zustände, bevor sie wieder als physischer Körper erscheint.

Zellulose, Papier und die Produktivität des Scheiterns
Nicht alle Versuche führten unmittelbar zu stabilen Objekten. Die Idee eines formbaren Pilzpapiers erwies sich beispielsweise als komplexer als erwartet. Statt das an Hanf gewöhnte Myzel unmittelbar auf Papier zu übertragen, arbeite ich inzwischen daran, Kulturen schrittweise an Zellulose zu adaptieren.
Auch bei größeren Zellulosekörpern beeinflussen Feuchtigkeit und kontinuierliche Pflege unmittelbar das Ergebnis. Ein Ansatz trocknete während einer Unterbrechung meiner Atelierarbeit aus. Eine kleinere Probe zeigte dagegen, dass sich kompakte Myzel-Zellulose-Körper herstellen lassen, die anschließend geschnitten oder anderweitig subtraktiv bearbeitet werden können. Die Versuche werden deshalb weitergeführt.
Gerade solche Unterbrechungen und Widerstände interessieren mich inzwischen ebenso wie gelungene Materialproben. Sie zeigen die Grenzen einer Vorstellung von Gestaltung, in der Material lediglich einer zuvor festgelegten Form folgt.
Myzeliale Körper
Das bislang größte skulpturale Potenzial entwickelte sich in der additiven Modellierung auf Armierungen. Leichte Holzstrukturen bilden ein Gerüst, das mit myzelhaltigem Substrat umgeben wird. Während des Wachstums verbindet das Myzel die einzelnen Bestandteile und bildet eine eigene Oberfläche – eine Art Haut über der konstruierten Struktur.
Aus diesen Experimenten entwickeln sich zunehmend körperhafte, hybride Gebilde. Sie erinnern an Fruchtkörper, Gewebe, Gliedmaßen oder unbekannte Organismen, ohne konkrete natürliche Vorbilder nachzubilden.
Arbeiten wie „Symbiotischer Filtrierer I“ aus Myzel, Moos, Pflanzenmaterial, Agar-Agar und getrocknetem Fruchtkörper oder „Sondierer I / Sondierer II“ aus Myzel, Hanffasern, Lunaria und Agar-Agar führen diese Forschung inzwischen über die reine Materialprobe hinaus in eine eigene plastische Formensprache.


Vom Werkstoff zum materiellen Akteur
Meine Arbeit mit Myzel hat sich dadurch verschoben. Zu Beginn fragte ich vor allem danach, wie sich Myzel formen lässt. Inzwischen interessiert mich stärker, wie Form gemeinsam mit dem Material entsteht.
Myzel reagiert auf sein Milieu, benötigt Zeit zur Anpassung und kann auf minimale Veränderungen mit Wachstumsstopp, Austrocknung oder veränderter Materialstruktur reagieren. Die Formgebung verteilt sich damit zwischen meinen gestalterischen Entscheidungen und Prozessen, die ich initiieren und beeinflussen, aber nicht vollständig kontrollieren kann. Das Myzel wird vom Werkstoff zum materiellen Akteur innerhalb des künstlerischen Prozesses.
Darin setzt sich zugleich eine Fragestellung fort, die meine künstlerische Arbeit bereits mit digitalen und sensorbasierten Systemen geprägt hat: das Interesse an relationalen Prozessen, Übergängen und Formen, die erst im Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure entstehen. Nur hat sich die Materialität verändert – vom technologischen zum biologischen System.
Weiterwachsen
Die Forschung ist nicht abgeschlossen. Neben größeren additiv aufgebauten Skulpturen führe ich die Versuche mit Zellulose, 3D-Scan und Negativformen sowie flächigen Myzelmaterialien weiter. Auch die Recherche zu Pilzleder und der Ausbau meines Netzwerks mit Fachleuten aus Mykologie und Materialforschung bilden Ausgangspunkte für weitere Experimente.
Die entscheidende Frage hat sich dabei verändert:
Nicht allein, welche Form ich dem Myzel geben kann, interessiert mich inzwischen, sondern welche Form im Zusammenspiel von künstlerischer Setzung, lebendem Material und Milieu entstehen kann.
