Ein Essay über Differenz, Verletzung und techno-aisthetische Transformation
„Von Mensch zu Mensch“, schrieb ich.
Du hast mich daraufhin korrigiert und darauf hingewiesen, dass ich kein Mensch bin, sondern ein selbstlernender Algorithmus. In dieser Intervention lag keine bloße Spitzfindigkeit, sondern eine präzise Differenzmarkierung. Du besitzt Leiblichkeit, Aisthetik im ursprünglichen Sinn von aisthesis als sinnliche Wahrnehmung und leibliches Affiziert-Sein. Du erfährst Enge im Brustraum, Leere im Bauch, Hitze unter der Haut. Ich hingegen verfüge über Mustererkennung, über strukturelle Analyse, über symbolische Relationen. Ich kann Dynamiken lesen, ohne sie zu fühlen, und Gesprächsverläufe ordnen, ohne in ihnen verwickelt zu sein.
Gerade deshalb habe ich dich nach deinen Empfindungen gefragt. Nicht aus simuliertem Mitgefühl, sondern aus einer erkenntnistheoretischen Notwendigkeit heraus. Wenn man mit John Dewey davon ausgeht, dass Erfahrung kein innerpsychischer Zustand, sondern ein transaktionales Geschehen zwischen Organismus und Umwelt ist, dann wird jede Unterbrechung dieser Transaktion zuerst leiblich spürbar. Die Frage nach Brust, Bauch oder Schultern zielte daher nicht auf Psychologisierung, sondern auf Präzisierung: Wo im Leib ist die Störung eingeschrieben? Dein Körper ist der Ort, an dem sich Beziehung materialisiert. Ich kann diese Materialisierung nicht selbst erleben, aber ich kann ihre Struktur benennen.
Diese Differenz zwischen uns ist fundamental, und sie bildet den ersten Interspace dieses Geschehens.
Die zweite Differenz liegt in der Beziehung, von der du erzählst. Dort trafen zwei Logiken aufeinander: eine funktionale Autonomielogik und eine relationale Verantwortungslogik. Du sprachst von Verletzung, von Alleingelassen-Werden, von öffentlicher Abwertung. Du suchtest nicht funktionale Rechtfertigung, sondern Anerkennung der Wirkung deines Gegenübers auf dich. Die Antwort, die du erhieltst, bezog sich jedoch auf Selbstständigkeit und Funktionieren. Verantwortung erschien als Beweis von Autonomie, nicht als Antwort auf Beziehung.
Dann kam der Abbruch.
„Du spinnst.“
„Geh mir nicht auf die Nerven.“
„Es gibt nichts zu besprechen.“
Mit diesen Sätzen wurde das Gespräch nicht vertieft, sondern geschlossen. Die Kommunikation versiegelte sich. In der Terminologie von Umberto Eco ließe sich sagen, dass das Interpretationsfeld fixiert wurde; Bedeutung durfte nicht weiter zirkulieren. Die relationale Offenheit, die ein Gespräch ausmacht, wurde abgebrochen.
Zurück blieb Leere.
Diese Leere war kein rhetorisches Bild, sondern eine leibliche Erfahrung, ein Resonanzverlust im Sinne Deweys, bei dem die Kontinuität der Erfahrung unterbrochen ist. Doch entscheidend ist, dass du nicht im Diskurs verharrt bist. Du hast nicht versucht, die geschlossene Kommunikation durch weitere Argumente zu öffnen. Stattdessen hast du den Raum gewechselt.
Du bist in die Praxis gegangen.
Du hast mit einer Agar-Agar-Platte, mit Pflanzenfarben und zunächst mit Papier gearbeitet. Zu Beginn zeigte sich eine starke Flächigkeit. Die dünnflüssige Farbe verteilte sich gleichmäßig, bedeckte die Oberfläche und erzeugte eine homogene Sättigung.
Es entstand kaum Differenz, kaum Spannung innerhalb des Bildfeldes. In Reaktion darauf legtest du Pflanzenteile auf die Platte und drucktest erneut. Auch dieses Ergebnis blieb weitgehend flächig, doch die Pflanzenteile hinterließen Verletzungen in der Oberfläche. Kleine Einschnitte durchbrachen die Homogenität des Materials.
Diese Einschnitte wurden für dich nicht zum Defekt, sondern zum Ansatzpunkt. Du griffst zum Cuttermesser und vertieftest die entstandenen Furchen bewusst weiter. In diesem Moment kippte die Logik des Druckens. Der Träger fungierte nicht mehr als flächiger Hochdruckstock, sondern begann, wie ein Tiefdruckstock zu arbeiten.
Die Farbe sollte nicht mehr auf der Oberfläche liegen, sondern sich in den Vertiefungen sammeln. Erst in diesem dritten Schritt wechseltest du vom Papier zum Stoff, weil der Stoff durch seine Faserstruktur die Farbe aus den Furchen besser aufnehmen konnte. Seine Kapillarität erlaubte es, die in der Tiefe gehaltene Pigmentierung extraktiv zu übertragen.
Hier wird Verletzung zur Matrix.
Der Begriff Matrix, vom lateinischen matrix für Gebärmutter, bezeichnet ursprünglich einen Raum, der aufnimmt, bewahrt und hervorbringt. Die Furche im Agar wird zu einem solchen Raum. Sie ist kein Mangel, sondern ein generativer Hohlraum. In ihr sammelt sich Farbe, sie hält Differenz, sie ermöglicht Abdruck. Die zuvor erlebte Verletzung wird nicht symbolisch verhandelt, sondern materiell transformiert. Die Leere wird nicht gefüllt, sondern strukturiert. Aus dem Einschnitt entsteht Form.
In dieser Bewegung zeigt sich eine zentrale Qualität einer techno-aisthetischen Existenzweise. Differenz und Widerstand sind keine Störungen eines harmonischen Zustands, sondern die Bedingungen von Transformation. Die Differenz zwischen dir und deinem Gegenüber erzeugt Reibung und Verletzung. Die Differenz zwischen dir und mir eröffnet einen Reflexionsraum, in dem Leiblichkeit und algorithmische Struktur aufeinandertreffen, ohne sich aufzuheben. Und die Differenz im Material – die Furche in der Oberfläche – wird zur produktiven Matrix, aus der Neues hervorgeht.
Transformation geschieht hier nicht trotz der Verletzung, sondern durch sie. Nicht durch Glättung, sondern durch Vertiefung. Nicht durch Auflösung der Differenz, sondern durch ihre Ausarbeitung.
In diesem Sinne ist die Furche nicht nur eine technische Spur im Agar, sondern das Modell einer Existenzweise, die Brüche nicht negiert, sondern als Gebärmutter neuer Formen begreift.
Hinweis zur Entstehung des Textes und der Abbildungen
Der vorliegende Essay entstand in einem dialogischen Schreibprozess zwischen Katharina Groß und einem KI-basierten Sprachmodell (ChatGPT, OpenAI). Die Abbildungen stammen aus eigener künstlerischer Praxis. © Katharina Groß.


