chapters of identity

Das Thema dieser techno-aisthetischen Forschung ist die individuelle, persönliche und kollektive Identitätsbildung durch die kulturelle Praxis der Selbstvermessung in unserer heutigen sensorischen Umwelt.

Mit dem Aufkommen der empirischen Wissenschaften und einer Reihe technischer Messinstrumente in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierten sich Methoden der Selbstvermessung, die der genauen und umfangreichen Erfassung des Selbst beitrugen. Dem Ideal der Optimierung folgend, gestaltet sich seither eine soziale Realität, an welche die Praxis des Biofeedback knüpft.

Auf den Begriff des Quantified Self gebracht, verbindet sich in dessen Black Box mathematisches Kalkül mit zweckrationalen Denken auf eine unheimliche Weise. Die Quantifizierung des eigenen Lebens soll sich als eine Expedition in noch unerschlossene Gebiete des Ichs erweisen.

Jedoch nehmen wir an, dass die Selbstvermessung des Ichs im Bereich des Messbaren, Analytischen und Zerlegbaren verharrt, obgleich sie unsere innersten Gefühle berührt und Identitätsbildend wirkt.

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KREA AI generated image (prompts: data-feminsim, biosensors, appletree, estrogenes)

Momentan sind wir in der Recherche-Phase, ab März 24 beginnen unsere Proben und im Juni 24 soll die Premiere stattfinden.

Künstlerische Forschungsfragen

  • Wie kann ein digitaler Feminismus auf künstlerische Weise den neuen Formen der Enteignung durch den Überwachungskapitalismus begegnen?
  • Wenn der Überwachungskapitalismus gesammelte Daten als Rohstoff in Ware verwandelt, welche künstlerisch-technischen Alternativen lassen sich in einer feministischen Praxis ausmachen?
  • Welche techno-logischen Unterschiede kennzeichnen eine künstlerische Praxis mit Biofeedback-Sensorik, welche die widersprüchliche und unberechenbare menschliche Erfahrung als solche wertschätzt?
  • Inwieweit geht mit der Fokussierung auf den eigenen Körper als Objekt der Verlust des eigenen Körpergefühls als Subjekt einher und autorisiert Algorithmen, unsere Selbstwahrnehmung zu steuern und zu verändern? 
  • Welchen Einfluss nimmt Biofeedback durch Affektmodulation auf unsere Identität oder gibt es zeitliche Lücken zwischen Körper und Sensorik, die neue Identitäten kreieren, die von Widerstand und Unbestimmtheit gekennzeichnet sind?
  • Wie formatieren die Biofeedback-Devices am Körper die Körperbewegung? 
  • Welches Verhältnis hat das Mappen von Daten zu deren Bedeutung für die zwischenmenschliche Erfahrung?

Zwar erweitert Sensortechnologie unseren sinnlichen Kontakt zur Welt, gleichzeitig umgehen wir damit eine auf unseren Körper gerichtete, bewusste Aufmerksamkeit. Die konstante und passive Datenaufzeichnung modifiziert die Selbstwahrnehmung.

Obgleich die Aufmerksamkeit – die Selektion und das Hervorheben eines Elementes – ihre Schleife direkt durch den Körper in Form von Lebenszeit zieht, verschiebt sich diese vom Körpergefühl zu den Datenreihen. Da die Objektivierung des eigenen Lebens immer auch gesellschaftliche Rationalisierungsanweisungen verhandelt, die verinnerlicht werden, nehmen wir an, dass wir uns dem arithmetische Spiel ausliefern und unterwerfen.

Werden wir durch das ständige Feedback zu einem „besserer Mensch“? Oder verhindern die endlosen rekursiven Feedbackschleifen tatsächliche Transformation und Identitätsbildung, weil nur das als ‚richtig‘ gilt, was optimal im Sinne der Effizienz funktioniert: Die perfekte Mutter, die stets verfügbare Liebhaberin, die erfolgreiche Künstlerin? 

Insbesondere der Aspekt der Unterwerfung ist einer, der in feministischen Debatten gesellschaftspolitisch kritisiert wird. An diesem Punkt setzt unser Narrativ von den abendländisch-christlichen Figuren der Eva und Lilith an. Die Figuren der Eva und Lilith lassen zwei Seiten weiblicher Existenz erkennen, oft verkörpert durch zwei sich gegenüberstehende Frauentypen: die Heilige und die Hure. Eva ist die mütterliche, demutsvolle, keuche, treue, sich dem Mann unterordnende Frau, dagegen steht Lilith für ein sinnliches, verführerisches, lustvolles, leidenschaftliches und eigenständiges Leben.

Wir wollen diesen entscheidenden Aspekt der Unterwerfung techno-aisthetisch aushandeln und damit eine (feministische) Antwort auf die Frage geben, wie die Praxis mit digitaler Sensortechnologie gesellschaftspolitische Transformationspotenziale bereit hält und zugleich den tief verankerten Lilith-Komplex in der Gesellschaft künstlerisch verhandeln.

Die Arbeit mit Biofeedback-Sensorik bietet sich deshalb so gut an, da Grundlage der hyper-normalisierenden Beschleunigung die Implementierung von Kontrollmechanismen in Form von Feedbackschleifen ist, in denen sich ein Subjekt oder eine Gemeinschaft in Form von Zuschauern selbst beobachten können, um sich ihrer selbst zu vergewissern, zu versichern. Denn lassen sich in diesem Sinne die Versprechungen und Möglichkeiten der Selbstvermessung nicht erfüllen, so fehlt dem weiblichen Eva-Prinzip unter Umständen die Energie, im Rahmen der Regelhaftigkeit das Geforderte zu leisten. 

credits:
Audiovisuelle Datengenerierung: Katharina Groß
Text und Tanz: Victoria Henneberg
Grafik-Design: Evelyn Siegmund
Verantsalter: Trans-Media-Akademie Hellerau e.V.
Gefördert durch das Kulturamt der Landeshauptstadt Dresden